Hausärztemangel im Baselbiet: Podiumsdiskussion zur Zukunft der Grundversorgung
Hausärzte sind zentral für die medizinische Grundversorgung
Der zunehmende Hausärztemangel im Kanton Basel-Landschaft stellt die medizinische Grundversorgung vor grosse Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund lud das Kantonsspital Baselland (KSBL) zur öffentlichen Podiumsdiskussion «Zukunftsfähige Hausarztmedizin: Ausbildung heute entscheidet über die Grundversorgung von morgen» ein.
Rund 70 Teilnehmende aus Politik, Hausarztpraxen, Spitälern, Verbänden und Medien nahmen am Anlass teil.
Hausärztinnen und Hausärzte spielen eine zentrale Rolle im Gesundheitssystem. Sie sind meist die erste Anlaufstelle für medizinische Probleme und können den überwiegenden Teil der Fälle selbst behandeln. Gleichzeitig stehen sie vor wachsenden Herausforderungen: Die Bevölkerung wird älter, chronische Erkrankungen nehmen zu und die Komplexität im Gesundheitssystem steigt.
Workforce-Studie zeigt deutlichen Nachwuchsmangel
Zum Auftakt der Veranstaltung präsentierte Prof. Dr. med. Andreas Zeller, Leiter des Universitären Zentrums für Hausarztmedizin beider Basel, zentrale Ergebnisse der aktuellen Workforce-Studie.
Diese zeigt eine besorgniserregende Entwicklung:
- Das Durchschnittsalter der Hausärztinnen und Hausärzte im Baselbiet liegt bei 51,8 Jahren.
- 13 Prozent arbeiten bereits über das ordentliche Pensionsalter hinaus.
- 80 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte sehen einen spürbaren Mangel in der Grundversorgung.
- 70 Prozent der Kinderärzte bestätigen ebenfalls einen Versorgungsmangel.
- Zwei Drittel sorgen sich um die Nachfolge ihrer Praxis.
Ohne ausreichenden Nachwuchs könnte die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte im Kanton Basel-Landschaft laut Studie bis 2030 um rund 20 Prozent und bis 2035 um rund 30 Prozent zurückgehen. Prof. Zeller formulierte seine Vision klar:
«Meine Vision ist, dass man wirklich einen Grundversorger hat, der für einen schaut – und nicht 23 Telefone machen muss, um jemanden zu finden.» – Prof. Dr. med. Andreas Zeller (Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel).
Praxisassistenz als zentraler Hebel
Ein zentrales Thema der Diskussion war die Praxisassistenz, bei der Assistenzärztinnen und Assistenzärzte einen Teil ihrer Weiterbildung in Hausarztpraxen absolvieren. Alle Podiumsteilnehmenden bezeichneten dieses Modell als wichtigen Schlüssel zur Nachwuchsförderung. Studien zeigen, dass im Kanton Basel-Landschaft zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte nach einer Praxisassistenz tatsächlich im Hausarztberuf bleiben – ein grosser Teil davon in der Region.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass das Angebot derzeit nicht ausreicht. Im Kanton gibt es mehr als 20 bereite Lehrärzte, aber nur sieben finanzierte Praxisassistenzstellen. Die Hausärzte seien bereit, ihren Nachwuchs zu fördern – es fehle jedoch an den nötigen Mitteln.
Auch Regierungsrat Thomi Jourdan signalisierte Handlungsbereitschaft: «Unsere Idee ist eigentlich, dass wir versuchen, die ganze Aus- und Weiterbildung auf eine breitere Basis zu stellen und die hausärztliche Aus- und Weiterbildung eben auch im Sinne von strukturierten Rotationsstellen zusammen mit den Spitälern auch auszubauen.»
Das KSBL hat dabei bereits konkrete Schritte unternommen, wie Dr. med. Eliška Potluková betonte: «Ich freue mich sehr, dass wir am KSBL, eigentlich das erste Spital – wir waren sogar schneller als das USB – eine Hausarztrotation mit Silvana Romerio implementieren konnten.»
Bürokratie belastet Hausarztpraxen
Ein wiederkehrendes Thema der Diskussion war der zunehmende administrative Aufwand im Praxisalltag. Dr. Carlos Quinto von der Ärztegesellschaft Baselland verwies auf die signifikante Zunahme der Unzufriedenheit mit der Bürokratie und schilderte ein konkretes Beispiel: Ein Formular für Inkontinenzprodukte verlangt detaillierte Angaben zum Schweregrad – gemessen in Milliliter pro Stunde. Der gesamte Verwaltungsaufwand zwischen Arztpraxis und Krankenkasse kostet rund 120 Franken: «Stecken Sie das Geld lieber direkt in Pampers hinein und nicht, dass ich wieder zu weniger Zeit habe für eine Konsultation.»
Dr. med. Christian Gürtler, Hausarzt und Vorstandsmitglied Hausärztinnen und Hausärzte beider Basel (mfe), ergänzte, dass die tarifliche Aufwertung der Hausarztmedizin ebenfalls dringend nötig sei: «Wir haben schon ein Problem, dass gewisse Kollegen noch lieber Spezialisten werden, weil sie Teilzeit arbeiten können und mehr verdienen als der Hausarzt.»
Attraktivität des Berufs und Arbeitsbedingungen
Neben strukturellen Fragen wurden auch die Arbeitsbedingungen diskutiert. Viele junge Ärztinnen und Ärzte wünschen sich bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben – Teilzeitmodelle seien unabdingbar, um den Beruf attraktiv zu halten.
Hausärztin Silvana Romerio Bläuer plädierte dafür, den Fokus stärker auf die positiven Seiten des Berufs zu legen: «Die Hausarztmedizin ist ein so toller, vielseitiger, interessanter, abwechslungsreicher, Wertschätzung bringender Beruf, dass der Inhalt für mich dermassen übertönt, dass es auch die restlichen Ärgernisse überwiegt.»
Assistenzärztin Lia Helfenberger, die ihre Praxisrotation bei Silvana Romerio absolviert hatte, bestätigte die Wirkung solcher Einblicke aus eigener Erfahrung:
«Ich bin eine von denen, die es in der Praxisrotation herausgefunden hat und jetzt auch dort dabei bleiben will.» – Lia Helfenberger, Assistenzärztin KSBL
Zusammenarbeit von Spital, Hausärzten und Politik entscheidend
Am Podium diskutierten unter der Moderation des Journalisten Christian Keller:
- Regierungsrat Thomi Jourdan, Vorsteher Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion Basel-Landschaft
- Prof. Dr. med. Andreas Zeller, Universitäres Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel
- PD Dr. med. Dr. phil. Eliška Potluková, Chefärztin Klinik Innere Medizin und Leiterin Universitäres Zentrum Innere Medizin, KSBL
- Dr. med. Christian Gürtler, Hausarzt und Vorstandsmitglied Hausärztinnen und Hausärzte beider Basel (mfe)
- Dr. med. Carlos Quinto, Vertreter der Ärztegesellschaft Baselland
- Dr. med. Silvana Romerio Bläuer, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, Gemeinschaftspraxis Bachtanne Oberdorf
Das KSBL organisierte den Anlass bewusst, weil es als regionales Zentrumsspital mit universitärer Anbindung eine wichtige Rolle in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung übernimmt und damit direkt zur Sicherung der hausärztlichen Grundversorgung beiträgt.
Medienberichte zum Anlass
Der Anlass stiess auch medial auf grosses Interesse:
- Basler Zeitung (04.03.): Baselland: Hausärzte schlagen Alarm wegen Bürokratie
- Telebasel (05.03.): Willkommen bei Telebasel
- Volksstimme (05.03.): PDF
- Prime News (09.03.): Doktor gesucht: Hausärzte im Baselbiet schlagen Alarm
- Oberbaselbieter Zeitung (12.03.): PDF
Social Media
Auch auf Social Media wurde der Anlass aufgegriffen. Die Beiträge können hier nachgeschaut werden:
- KSBL (LinkedIn/ Instagram)
- Eliška Potluková, KSBL (LinkedIn)
- Regierungsrat Thomi Jourdan (LinkedIn/ LinkedIn / Instagram)
- Prime News (LinkedIn/ Instagram)
Audioaufnahme des Anlasses
Der gesamte Anlass kann hier nachgehört werden: Link
Ausblick
Dass das Thema politisch weiterverfolgt werden soll, wurde auch im Parlament signalisiert. So wurde ein Postulat zur Förderung von Assistenzarztstellen im Landrat überwiesen – ein Hinweis darauf, dass die Sicherung der hausärztlichen Grundversorgung auch politisch zunehmend an Bedeutung gewinnt. Landrätin Lucia Mikeler Knaack, Präsidentin der Gesundheitskommission, betonte am Anlass, dass das Postulat stillschweigend überwiesen worden sei – ein deutliches Zeichen für den politischen Willen, hier zu investieren.
Die Herausforderungen sind bekannt: Eine alternde Ärzteschaft, zu wenige Praxisassistenzstellen, zunehmende Bürokratie und veränderte Erwartungen der jüngeren Generation an Arbeitsbedingungen und Work-Life-Balance. Die Diskussion am 3. März hat gezeigt, dass Lösungen nur im Zusammenspiel aller Beteiligten möglich sind – Politik, Spitäler, Hausärztinnen und Hausärzte sowie die Ärztegesellschaft müssen gemeinsam an einem Strang ziehen.
Das KSBL wird seine Rolle als Ausbildungsspital weiter wahrnehmen und ausbauen. Die bereits lancierte Hausarztrotation ist ein erster konkreter Schritt – weitere sollen folgen. Denn wie der Abend eindrücklich gezeigt hat: Die Ausbildung von heute entscheidet über die Grundversorgung von morgen.
Das KSBL dankt allen Podiumsteilnehmenden, Referierenden und Gästen herzlich für ihre wertvollen Beiträge und ihr Engagement für eine zukunftsfähige Grundversorgung im Baselbiet.